Ivan Blatný

Dichter, Sohn des Schriftstellers Lev Blatný (1894–1930). Er wurde in Brünn geboren und verbrachte hier den ersten Teil seines Lebens, bevor er 1948 in das Exil...

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František Halas

Der Dichter, Übersetzer und Publizist wurde in Brünn geboren und verbrachte hier auch seine Kindheit und Jugend. In der Brünner Buchhandlung A ging er in die Lehre....

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Oldřich Mikulášek

Dichter und Publizist. In Brünn lebte er von 1937 bis zu seinem Tod, zuletzt wohnte er in der Straße Mášova. Er war mit einigen Brünner Kulturinstitutionen verbunden...

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Jaroslav Seifert

Dichter, Publizist, Erinnerungsautor. Erster und bisher einziger tschechischer Literaturnobelpreisträger. Mit seinen Versen erlangte er bei seinen Lesern anhaltende...

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Jan Skácel

Dichter, Prosaist, Redakteur und Übersetzer. In Brünn verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens und war mit einigen Brünner Kulturinstitutionen verbunden (mit...

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Vít Slíva

Dichter und Mittelschullehrer. Mit Brünn ist er seit seinem Hochschulstudium verbunden. Mit einer kurzen Unterbrechung lebt er bis heute in der Straße Poděbradova....

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Brno (Brünn)

Orte (in alphabetischer Reihenfolge)

Dichter (in alphabetischer Reihenfolge)

Jiří Wolker

1900  –  1924

Dichter, Dramatiker und Autor dichterischer Prosa. Nach Brünn fuhr er zu seinen Freunden aus einer Literaturgruppe (Čestmír Jeřábek, Lev Blatný und andere), die sich in dem Café Bellevue an der Ecke der Straße Joštova und des heutigen Platzes Moravské náměstí traf. Nicht nur das (freundschaftliche) Auseinandergehen, sondern auch die Trennung von der Welt des reichen Bürgertums beschreibt eines von Wolkers bekanntesten Gedichten „Tvář za sklem“ (Form aus Glas), welches in dieses Café verlegt ist und später in die Sammlung Těžká hodina (1922; Schwere Stunde) aufgenommen wurde.

Der Dichter und die Orte seiner/ihrer Gedichte

Joštova 2 (Jodokstrasse 2)


Das Gedicht und der Ort



Das Gesicht an der Scheibe

„Café Bellevue“, ein Land voller Wunder,
aus Wärme gebaut, Musik und Plunder,
vergoldetem Stuck und plüschener Pracht.
Draussen ist Regen, Kälte und Nacht.
Gläserne Scheiben die Grenzen sind:
Hüben ist Wärme,
drüben Wind.

Wie sonst sind auch heute alle gekommen,
vornehme Herren und schöne Frauen,
haben behaglich Platz genommen,
setzen sich Zeitungen auf die Nasen
und schauen
– Brillanten in den Krawatten –
mit satten,
zufriedenen Blicken
hinein in die Welt,
die rosig erscheint
und ihnen gefällt
durch die Brillen aus Zeitungspapier.

Wie sie nun mit gebügelten Händen
ehrbar und satt in der Wärme sassen,
Mokka nippten und Zuckerzeug assen,
geschah es plötzlich,
dass ein Mensch von der Gasse
– halbwüchsig noch und doch schon ein Mann –
seine ausgemergelte Fratze
dicht an die Scheiben zu drücken begann,
um mit den Blicken das Glas zu zerbrechen,
mitten in die Pracht zu stechen,
in Spiegel und Fräcke,
Plüsch und Mätressen,
in Bäuche, die feist und rundgefressen,
in Walzer, Wärme und Lichtergefunkel –
und haftenzubleiben,
als längst im Dunkel
der Mensch an der Scheibe verschwunden war.

Da wurden die vielen Marmortische
plötzlich in frische
Gräber verwandelt.
Begrabene Herren,
vermoderte Damen
kamen
lächelnd einhergewandelt,
und die Kellner in Trauergewändern
trugen Kränze mit langen Bändern
aus Rauch. –
Draussen, jenseits der Fensterscheiben,
lebte die Gasse, der Regen, die Not,
drinnen sah man sie frostig und tot
lächeln, sprechen und Scherze treiben.


                                        übertragen von F. C. Weiskopf


 

Wolker, Jiří: Ich wachse wie der helle Tag, Leipzig: Verlag Phillip Reclam jun. 1977, s. 63-64.








 



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