BRÜNN poetisch

...oder die Verbindung von Poesie und Geographie

Wie geht man vor?

Man kann auf dem Stadtplan einfach so herumwandern und in gewisser Weise einen virtuellen Spaziergang machen; es lassen sich aber auch die einzelnen Dichter heraussuchen. Ein dritter Weg führt über die Liste der Orte.

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Im Jahre 1936 äußerte der bekannte Literaturhistoriker Arne Novák einmal, dass die Stadt Brünn hinsichtlich ihres kulturellen Gewichts wenig zu bieten habe – vor allem besitze Brünn keine Lyrik. Alles deswegen, weil „das ergiebigste Vorhandensein und die freundlichste Teilnahme des melodischsten Elements – des Wassers“ nicht hierhergelange. Kurz gesagt, ohne einen ordentlichen Fluss sei Lyrik nicht zu bekommen. Arne Novák starb 1939. Wären ihm aber zwei weitere Lebensjahre beschieden gewesen, hätte er so etwas nur schwerlich sagen können. Nicht dass Brünn einen großen Fluss erhalten hätte, aber es hat einen Dichter bekommen. Aber nicht nur einen Dichter, sondern einen regelrechten Hymnus auf sich selbst. Dieser Dichter hieß Ivan Blatný und jener Hymnus waren die Melancholické procházky (Melancholische Spaziergänge). Zumindest seit diesem Jahr müssen wir von Brünn als einer poetischen Stadt sprechen. Nein, Brünn muss sich nach der Herausgabe der Melancholischen Spaziergänge nichts mehr gefallen lassen. Blatný hat gezeigt, was alles auf dem Gebiet dieses „mährischen Manchesters“ oder bloßen Wiener Vororts schlummert. Mit seinen Versen hat er Brünn angesprochen, aber es ist auch weit mehr geschehen: Er hat es auch gefeiert. Worum geht es uns? Wir möchten aufzeigen, welch großes dichterisches Potenzial in dieser Stadt zu finden ist und wie viele Dichter verschiedener Zeiten und Stile Brünn und seinen Orten ihre Gedichte gewidmet haben. Dabei denken wir nicht nur an tschechisch, sondern auch an deutsch schreibende Dichter; an jene, die mit Brünn durch ihr Leben und ihr Werk verbunden sind, wie auch an jene, die mit Brünn nur am Rande zu tun hatten; an Autoren, die schon von uns gegangen sind, wie auch an jene, die hier noch leben. Wir möchten diese Orte mithilfe eines interaktiven Stadtplans kenntlich machen und ihnen die einzelnen Gedichte zuordnen. 

Dieses ist die erste Phase – die Web-Phase. In der zweiten Phase sollen die konkreten Orte dann schon aufgesucht und dort die einzelnen Gedichte auf Tafeln angebracht werden. Damit das, was diese Orte der Poesie gegeben haben, wieder – nunmehr als Poesie – an diese Orte zurückkehrt. Diese Phase begann am 23. Juni 2016 mit der Installation der ersten Tafel (mit der Gedichte von Ivan Blatný) in Brünn-Malmeritz.  

Wie geht man vor? Die Struktur ist dreistufig: Die Orte auf der Karte verweisen auf die Gedichte, die durch sie entstanden sind, und die Gedichte leiten – denjenigen, der es wissen möchte – über zu den Dichtern, zu ihren Kurzporträts. Man kann auf dem Stadtplan einfach so herumwandern und in gewisser Weise einen virtuellen Spaziergang machen; es lassen sich aber auch die einzelnen Dichter heraussuchen. Ein dritter Weg führt über die Liste der Orte. 

Jiří Trávníček und Michal Fránek, Leiter des Projekts, Institut für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, in Zusammenarbeit mit František Schildberger 

(November 2014)